„Der Rom vom Stamm der Lovara“, wie Karl Stojka seine Herkunft stolz beschrieb, wurde in Niederösterreich in einem Pferdewohnwagen am 20. April 1931 als viertes von sechs Kindern geboren. Im Sommer war die angesehene Familie auf Pferdemärkten unterwegs, im Winter jedoch lebte sie an ihrem festen Wohnsitz in Wien oder auch in Jois. Dort besuchte Karl wie seine Geschwister die Schule. Er gehörte wie die gesamte Familie der römisch-katholischen Kirche an.
Trotzdem wurden die Roma seit jeher als Ethnie besonders diskriminiert und verfolgt. Seit 1938 und der nationalsozialistischen Herrschaft auch in Österreich mussten sie tagtäglich mit Gefangennahme, dem Verbot ihres Handels, Zwangsansiedlung und Verschleppung rechnen. Das Kind Karl musste unter diesem Damoklesschwert leben. Bis zu seinem Lebensende fühlte er diese Angst und engagierte sich in seinen letzten Lebensjahren für „seine Leute“, wie er oft betonte.
Vor den Augen seiner Frau und der Kinder wurde der Vater am 20. Januar 1941 von der Gestapo in ein Auto gezerrt und ohne Anklage oder Verurteilung entführt. Nach einer Odyssee durch mehrere Konzentrationslager, in denen er durch die Zwangsarbeit geradezu zerstört wurde, wurde er nach einigen Monaten mit einem „Invalidentransport“ vermutlich am 28. November in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim gebracht und dort im Gas ermordet. Seine Familie erhielt erst Anfang 1943 eine Urne mit einem Totenschein, auf dem alle Fakten, Sterbedatum, Todesursache und Verbleib der Asche, gefälscht waren.
Noch während der dreitägigen Totenwache, kurz vor dem Begräbnis, wurde die Frau mit ihren sechs Kindern verhaftet. Karl wurde vor den Augen seiner Mitschüler im Klassenzimmer abgeführt. Ende März wurde die Familie gemeinsam mit einer größeren Gruppe Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau registriert. Dem elfjährigen Karli wurde die rassistisch diskriminierende Nummer „Z 5742“ tätowiert.
Die Familie wurde im überfüllten sogenannten Familienlager in Birkenau zu Tausenden anderen Sinti und Roma gepfercht. Unter ständigem Mangel an Verpflegung und Wasser, allgegenwärtigem Hunger, mangelnder Hygiene, Krankheiten und Epidemien litten vor allem die Kinder. Das Gesicht seines dort ermordeten kleinen Bruders Ossi erschien Karl ein Leben lang. Karl selbst musste zeitweise als Bediener in einem Kasino arbeiten. Die dabei erhaschten Lebensmittel sicherten seiner Familie etwas lebenswichtige zusätzliche Nahrung.
Im Sommer 1944 begann die SS mit der Vorbereitung der endgültigen und vollständigen Liquidierung der als „Zigeunerlager“ bezeichneten Baracken des „Familienlagers“. Dabei ließen die SS-Leute die zur Zwangsarbeit selektierten Arbeitsfähigen zunächst am Leben. Viele Frauen, Kinder, Kranke und ältere Menschen wurden ermordet.
Karl gelang es, sich trotz seiner erst 13 Jahre unter die „Arbeitsfähigen“ zu schmuggeln. Er und sein älterer Bruder „Mongo“ wurden zur Zwangsarbeit in das KZ Buchenwald deportiert, die Mutter mit den Schwestern in andere Konzentrationslager. Anfang 1945 wurden die Brüder in das KZ Flossenbürg weitergetrieben.
Dort mussten sie am 20. April 1945, an Karls 14. Geburtstag, noch auf den Todesmarsch. Er beklagte später sehr, diesen Geburtstag mit dem „größten Verbrecher“ gemeinsam feiern zu müssen. Völlig geschwächt konnten sie am 24. April von amerikanischen Truppen bei Rötz befreit werden. Eine Bauernfamilie nahm sie auf. Sie gesundeten und konnten sich von den vielen Strapazen unter beständiger Lebensbedrohung teilweise erholen.
Als sie Anfang 1946 erfuhren, dass ihre Mutter mit den Schwestern das KZ ebenfalls überlebt hatte, kehrten sie nach Wien zurück.
„Ich habe geleugnet, dass ich ein Rom bin! Bis zu den 80er-Jahren.“ Karl handelte zu dieser Zeit erfolgreich mit wertvollen Teppichen. Bei seinen reichen Kunden in der ganzen Welt gab er sich beispielsweise als Pakistani aus und lebte halb anonym in den USA.
Als er nach Europa zurückkehrte, bedrängten ihn immer mehr Menschen, seine Erinnerungen aufzuzeichnen. Er begann zu malen und engagierte sich bei den Bemühungen seines Volkes, als gleichberechtigte Bürger nicht nur rechtlich, sondern auch gesellschaftlich anerkannt zu werden. Er kämpfte für die Anerkennung der Sinti und Roma als rassisch Verfolgte des NS-Regimes, denen eine Entschädigung zusteht.
Bis zu seinem Tod kämpfte er nun als stolzer Rom. Seine Ausstellungen in den USA und ganz Europa machten ihn und sein Anliegen überall bekannter. Dazu gehörten auch seine Audienz beim Papst und Begegnungen mit Regierungschefs in Österreich.
Er und seine Geschwister, die bekannte Autorin Cejka und der international bekannte Musiker Mongo, waren wichtige Botschafter und Mahner für die Anliegen der Sinti und Roma. Die Anerkennung seines Volkes, der Erhalt ihrer Erfahrungen und ihrer Visionen von einer solidarischen Gesellschaft blieben seine zentralen Anliegen.
Karl Stojka stirbt am 10. April 2003 in Wien.



